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Hier tun sich alle Wissenden schwer, etwas zu Papier zu bringen. Denn es geht mehr darum ein Gefühl, als eine Technik zu erlernen. Auch haben viele Reitmeister Angst, in die die Ecke der Zirkusreiterei geschoben zu werden, wenn sie sich hierzu in der Öffentlichkeit äußern. Selbst in der vermeintlichen Wiege der Unterkieferflexion, wie das Nachgeben im Unterkiefer oft genannt wird, in Saumur wurde uns nur hinter vorgehaltener Hand darüber berichtet, dass man diese auch hier immer noch einsetzte. Aber nur zur Korrektur von "kaputten" Pferden. Grund hierfür ist nach deren Ansicht, dass man sich nach der FEI -im Sinne der Geld bringenden Turnier-Reiterei- richte, wo ein so ausgebildetes Pferd kaum gute Noten erhalten würde. Ja, ein Maul ohne Spreeriemen, das die Unterkieferflexion ja erst ermöglicht, seit ja gar nicht erlaubt....... In aller Kürze geht es also darum, einen Reflex im Pferd zu nutzen, der auch in der craniosacralen Therapie eingesetzt wird. Nämlich, dass man beim Pferd ein leichtes öffnen des Unterkiefers- ähnlich dem Kaugummikauen- erreiche, was wiederum im Moment des Nachgebens eine reflektorische Entspannung der Muskulatur der Lendenwirbelsäule nach sich ziehe. Allerdings bedarf es einiger Erfahrung und viel Gefühl, diesen richtigen Moment herbei zu führen -nicht zu früh oder zu spät nachzugeben- und dann diesen Zustand während des Reitens andauern zulassen bzw. ihn immer wieder herbei zu führen. Nun kommt immmer die Frage auf: "Wie stark muss ich denn am Zügel ziehen...? Und wann muss ich nachgeben?".
Um eine Idee hierfür zu bekommen, stellen Sie sich bitte folgendes vor: Sie angeln und haben einen Fisch an der Angel... . Wenn Sie diesen aus dem Wasser ziehen wollen und immer mit der gleichen Kraft an der Angel ziehen, wie der Fisch an Gewicht und Widerstand erzeugt -nehmen wir also mal z.Bsp. 8 Kilo an- werden Sie stundenlang ziehen, und es wird sich nichts an der Situation ändern, es sei denn, einer von beiden gibt auf (kommen da bei Ihnen Parallelen zum Reituntericht auf... ?). Um den Fisch also aus dem Wasser zu ziehen, müssen Sie so lange so stark ziehen, dass Sie den Widerstand, also die angenommenen 8 Kilo überwinden. Sie müssen also zum Beispiel mit 9 Kilo ziehen. Und wenn der Fisch dann aus dem Wasser kommt, müssen Sie sofort aufhören zu ziehen, sonst schmeißen Sie ihn auf der anderen Seite vom Boot wieder ins Wasser und das Spiel beginnt von Neuem. Alles klar...? Sprich : wenn ein Pferd sich auf das Gebiss legt, kann es auch schon mal sein, das Sie zu beginn sehr stark am Zügel ziehen müssen, damit es nachgiebt. Wenn es da aber tut, müssen Sie sofort nachgeben. Mit der Zeit versteht das Pferd, was sie wollen und das es angenehmer ist, gleich auf ein leichtes Pulsieren des Daumens den Kiefer zu lösen. Und dann sprechen wir vom Leichten Reiten- zumindest einem wichtigen Teil davon... . Wenn ich das mit meinen Worten beschreiben sollte, würde das wie fogt aussehen, wobei es mir sehr schwer fällt die zu tun, da es hier um die Beschreibung von Gefühlen (z.B. für die richtige Stärke oder den richtigen Zeitpunkt etc. ) angeht. Und daran sind bekanntermaßen schon größer Personen geschietert. Da es in der Literatur aber kaum etwas dazu zu Lesen gibt, will ich nun versuchen die Fexion des Unterkiefers zu beschreiben: Zur Erreichung der Entspanntheit als Voraussetzung für Leichtheit teilt Baucher die lösenden Flexionen in zwei Kategorien auf: 1. vorbereitende Flexionen im Stand (ähnlich den Ausführungen von R.Studolka und P.Karl hierzu). Und 2.Erhaltende Flexionen in der Bewegung (Kernpunkt dieser Ausführung um nicht Bekanntes zu wiederholen) Um ein Verständnis für die Notwendigkeit dieser Aufteilung zu bekommen definieren wir zunächst einmal das Gleichgewicht als solches: 1. Im Stand ist das Ziel des Gleichgewichtes die bestmögliche Verteilung des Körpergewichtes auf die vier Beine, so dass es den größtmöglichen Nutzen daraus ziehen kann und das zusätzliche Reitergewicht das Pferd so gering wie möglich beeinträchtigt. 2. In der Bewegung hingegen muss der Pferdekörper drei dynamische Kräfte kompensieren, bzw. koordinieren, damit man sagen kann: "Das Pferd ist im Gleichgewicht." : 1. den Lastwechselaktionen der Körpermasse. 2. der Tatsache, dass die Vorderbeine den überwiegenden Teil des Körper-, und des Reitergewichtes aufnehmen müssen. 3.Der vorschiebenden Kraft und dem Schwung aus der Hinterhand.
Das Pferd kommt aus dem Gleichgewicht, wenn z.B. zuviel Schub aus der Hinterhand angefragt wird, die das Pferd nur durch vermehrte Anspannung der Muskulatur kompensieren bzw. dagegenhalten muss. Dies führt auf Dauer zu Verspannungen, welche die Leichtheit unmöglich machen. Diese zusätzliche Muskeltätigkeit, bzw. diese Verspannungen manifestieren sich u.a. über Muskelketten im Kiefergelenk, dem daher in der Bewegung eine besondere Schlüsselrolle zukommt. Man kann also sagen: Das Gleichgewicht in der Bewegung ist dann hergestellt, wenn der Schwung der Hinterhand die Masse des Pferdkörpers so vorwärts bewegt, das sich die aus der Bewegung ergebenden Kräfte aufheben. Das Pferd bleibt so im Gleichgewicht. Wie eben schon erwähnt kommt dem Kiefergelenk hier eine Schlüsselrolle zu, nämlich dem neutralisierenden Element für die durch die Massebewegung entstandenen Verspannungen. Diese Neutralisierung der Verspannungen erreicht man durch die richtige Entspannung (Flexion) des Unterkiefers (wie die moderne Tiermedizin, Osteopathie und Craniosacraltherapie heutzutage eindrucksvoll bewiesen hat). Um mit einem Pferd durch die Flexion des Unterkiefers zu einer dauerhaften Entspannung des Unterkiefers zu erlangen, muss man erreichen, dass das Pferd den Unterkiefer leicht öffnet und schließt und dabei die Zunge unter dem Gebiss auf- und abwärts bewegt und anschließend schluckt, so als würde es genüsslich einen Kaugummi kauen. Um hierzu die einbezogenen Kiefer- Hals - und Schultermuskulatur zu locken und gymnastisieren, bereiten wir das Pferd durch Abkau- und Dehnungsübungen im Stand vor. Dabei wird die erstrebte Veränderung des Öffnungswinkels des Mauls zuerst vom Boden und später auch aus dem Sattel geübt. Die entspannte nachgebende Lockerheit im Unterkiefer, mit der beschriebenen Maultätigkeit, ist die Folge einer Weiterführung dieser Übungen im Gang im angepassten Maße. Ziel ist es dabei, jederzeit die gewünschte Entspannung des Unterkiefers - und damit die Wiederherstellung des Gleichgewichtes- abrufen zu können. Um dieses zu erlangen, ist es außerordentlich wichtig einen unabhängigen Sitz, ein gutes und sehr feines Gefühl für die richtige Länge der Zügel und eine Hand zu besitzen, die in keinem Fall rückwärts wirkt. Racinet nennt diese die "stillstehende Hand". Die Wichtigkeit und Ausführung derselben führt er wie folgt aus: Beim Abfragen der Flexion des Unterkiefers kann es zu Widerständen kommen: Das Pferd gibt nicht sofort nach; es hält dem Druck Stand. Wenn wir nun Kraft aus dem Arm anwenden, wird sich unser Arm in dem Moment, da das Pferd nachgibt, unweigerlich nach hinten bewegen, da unser Gehirn zu lange braucht, in genau diesem Moment die Krafteinwirkung zu beenden.(Wir ziehen also am Zügel, auch wenn nur kurz) Das Pferd würde also für das Öffnen des Mauls, das Nachgeben, bestraft. Die Zunge würde durch das Rückwärtswirken des Armes gequetscht und die gewünschte Bewegung der Zunge damit unterbunden werden. Dieses Dilemma können wir umgehen, indem wir unsere Hand "still stellen", also an einem Punkt fixieren(z.B. auf dem Hals des Pferdes). Legt das Pferd sich auf das Gebiss, bestimmt es also durch sein Ziehen selbst den Druck, der auf seinem Gebiss lastet und dieser hört zwangsläufig sofort auf, sobald das Pferd nachgibt. Die notwendige "Extrakraft" mit der wir das Nachgeben gegen den Widerstand des Pferdes provozieren, kommt nicht aus der Faust und nicht aus dem Arm; sondern allein aus den Fingern, der für diesen Augenblick fixierten Hand. Der Daumen wird hierzu bei der Zügelaufnahme auf den Zügel gegen das mittlere Gelenk des Zeigefingers gedrückt. Anschließend schließt man nacheinander jeden einzelnen Finger von oben nach unten um den Zügel, bis es nachgibt(je nach Wiederstand des Pferdes). Dabei stellt man sich vor, man will das Zügelleder breit drücken. Wenn das Pferd nun nachgibt, wirkt unsere Anstrengung zwar immer noch aufs Leder , nicht aber mehr auf das Maul, da die von uns angewandte Kraft in der fixierten Hand bleibt. Das Pferd verspürt durch das Nachgeben Erleichterung und Entspannung. Eine "stillstehende Hand" bedeutet aber keinesfalls, die Hand nur an einem Punkt zu belassen. Nachgeben und richtungweisende Hilfen sind gewünscht. Nur darf die Hand eben in keinem Fall rückwärts wirken. Der Erfolg dieser elementaren Hilfengebung ist abhängig vom richtigen Zügelmaß, dem unabhängigen Sitz des Reiters und seinem Gefühl für den richtigen Moment. Es sei aber vor der falschen Anwendung der Flexion des Unterkiefers gewarnt: Sie kann eben nicht nur negative Bewegungskräfte neutralisieren, das Pferd ins Gleichgewicht bringen und damit entspannen und das Pferd immer feiner werden lassen. Falsch angewendet (z. B. im falschen Moment oder zu hart)kann die Unterkieferflexion das Pferd aus dem Gleichgewicht bringen, es hart und fest machen. Daher sind Dehnungs- und Abkauübungen für jeden Reiter unabdinglich, die Flexion des Unterkiefers jedoch sollte allein durch versierte Reiter unter Anleitung des Reitmeisters erlernt und angewandt werden.
Erste positive Ansätze hierzu findet man in den Büchern von Robert Studolka, bei Baucher, oder im Unterricht von Philippe Karl. Selbst der alte Großmeister der Unterkieferflexion, Jean-Claude Racinet hat diese Art des Reitens nur wenigen Schülern in der ganzen Tiefe beigebracht. Die Gefahr fehlinterpretiert oder verurteilt zu werden, weil man nur Bruchstücke der Arbeit am Pferd bewerte (nämlich den Teil, wo bei Korrektur-Pferd zunächst dieser Reflex antrainiert werden muss, wobei man zumeist gegen heftigen Widerstand des Pferdes ankämpfen muss, welches gelernt hat, sich auf dem Gebiss festzubeißen) sei einfach zu groß. Daher wollen auch wir es dabei belassen und es Interessierten mit völlig unabhängigen Sitzt (nur dann kann man ein feine Hilfe geben, wenn man weder Schenkel noch Hand braucht um sich auf dem Pferd zu halten.. :-) im Reitunterricht beizubringen. Näheres zur Biomechanik von Zungebein und Kiefergelenk finden Sie anschaulich im Buch von Herrn Robert Studolka "Vom Reiten zur Reitkunst" auf den Seiten 58 und 92 bis inkl. 96. Leider kann er auch (möglicherweise aus Mangel an Erfahrung) lediglich auf die Mobilisierung des Unterkiefers von unten eingehen und nicht auf das Thema, wie ich diesen Zustand auch im Reiten erhalte, oder was beim Pferd dabei in Bewegung geschied. Soviel sei aber gesagt: bringt man einem Pferd die Unterkieferflexion bereits in der Equilibration bei- also wenn das Pferd beim Einreiten erstmalig Bewegungsabläufe erlernt- ist die weitere Ausbildung eine wahre Freude, da man ohne Verspannungen im Pferd schnell die Balance erreichen kann und damit das Vorankommen im Training enorm beschleunigt. Eigentlich müsste das im Sinne aller sein, schnell gesunde und gut ausgebildete Pferde zu bekommen, aber dazu müssten viele ja noch mal ganz von vorn anfangen, einen Plan bei der Ausbildung haben und sich auf dem Pferd konzentrieren. Und die Züchter könnten nicht durchschnittlich alle 9 Jahre ein neues Pferd verkaufen, da die so ausgebildeten Pferde deutlich länger leistungsfähig bleiben. Das ist wohl bei den meisten zuviel verlangt... . Wie schade!
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